Interview

Dr. Michael Otto: Interviewversatzstücke zur freien Verwendung

 
 
Unternehmen Otto Group
Wirtschaft
Umwelt/ Klima
Sozialverantwortung
Gesellschaftliches Engagement
Stiftungen
Persönliches

Sie sind von ganzem Herzen Unternehmer. Haben Sie für Ihre Tätigkeiten eine Art Glaubensbekenntnis?
Integrität, Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit sind Werte, die mir persönlich sehr wichtig sind. Soziales Engagement, Umweltschutz und ein faires Miteinander halte ich darüber hinaus für die tragenden Säulen unserer Gesellschaft. Was die Otto Group angeht, so finden sich diese Werte in der Unternehmenstätigkeit wieder. Die Otto Group steht für Tradition, Kontinuität und verantwortliches Unternehmertum. Diese Werte halte ich für die beste denkbare Basis für ein Unternehmen, gerade auch, wenn es darum geht, nachhaltig den Wandel mitzugestalten. Gleichzeitig ist es essentiell, Bewährtes auch zu hinterfragen und gegebenenfalls durch Neues zu ersetzen, Innovationen voranzutreiben und Bestehendes permanent zu verbessern. Es ist diese Kontinuität der Veränderung, die zur Kernqualität unseres Unternehmens wurde, die unsere Unternehmenskultur prägt und der wir treu bleiben.

Als Aufsichtsratsvorsitzender haben Sie sich 2007 aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und kümmern sich nun verstärkt um strategische Themen. Was sind die zukünftigen Themen und Geschäftsfelder der Otto Gruppe?
Wir setzen weiterhin auf eine internationale Expansion unserer Geschäftstätigkeit, den Ausbau unserer verschiedenen Vertriebskanäle und die Stärkung unserer E-Commerce-Aktivitäten durch innovative Online-Geschäftsmodelle. Außerdem werden wir unser umfassendes Dienstleistungsangebot für den Handel entlang der gesamten Wertschöpfungskette weiter vorantreiben. Interessante Märkte sind für uns vor allem Russland, Brasilien und die Türkei, aber auch Länder wie China, Indien, Mexiko, Chile, Südafrika und Malaysia.

Sie haben bereits in den 80er Jahren den Schritt nach Asien getan. Welche Bedeutung hat der asiatische, speziell der chinesische Markt für Sie?
Indien und China sind und bleiben die großen Wachstumsmärkte. Auch für uns und nicht zuletzt auch getrieben durch unser Mandantengeschäft. Deshalb engagieren wir uns dort mit Joint Ventures und Kooperationen. Daneben setzen wir aber auch stark auf die Märkte in Brasilien, Russland und Türkei.

Warum profitiert Otto nicht stärker vom generellen Wachstum im Online-Handel?
Wir sind nach Amazon die Nummer zwei im weltweiten Onlinehandel mit dem Endkunden und steuern unser Wachstum in diesem Bereich auch nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Wir setzen verstärkt auf die Vielfalt unserer Vertriebswege. Damit unterscheiden wir uns von manchen Wettbewerbern. Bei uns bestimmen die Kunden, ob sie im Internet bestellen, aus einem Katalog auswählen oder in einer unserer Filialen einkaufen. Es ist nicht unser vorrangiges Ziel, zum Beispiel Amazon einzuholen. Was uns antreibt, ist möglichst viele Menschen mit unserem Leistungsversprechen zu erreichen und zufrieden zu stellen. Die Otto Group versteht sich in erster Linie als Händler mit persönlichem Kundenservice.

Versandhandel und Internet – wie sieht die Zukunft des Katalogs aus?
Wir haben uns schon früh für das Multichannel-Modell entschieden: Katalog, Online und Stationär. Hohe Wachstumsimpulse bringt der E-Commerce. Das Kataloggeschäft wird weiter an Bedeutung abnehmen, auch wenn wir davon ausgehen, dass die Kundinnen im Fashion- und Lifestyle-Bereich noch lange Zeit auf Kataloge als Werbemittel Wert legen werden. Neben dem Distanzhandel ist der Stationärhandel für uns ein wichtiges Standbein, das wir mittelfristig ausbauen wollen. Schließlich ist und bleibt der Stationärhandel der mit großem Abstand dominierende Vertriebsweg des Einzelhandels. Gesucht werden vor allem internationalisierbare Konzepte, die multichannelfähig sind.

Die traditionsreichen Versandhändler Neckermann und Quelle sind als eigenständige Unternehmen vom Markt verschwunden. Was hat die Otto Gruppe eigentlich anders gemacht?
Wir haben früher und viel stärker auf das Internet und die Internationalisierung gesetzt, und mit unseren verschiedenen Unternehmensmarken haben wir unterschiedliche Kundengruppen angesprochen. Das alles gibt uns größere Stabilität. Besonders wichtig war aber auch: Wir hatten stets eine hohe Kontinuität im Management. Das wird auch in Zukunft so bleiben.

Die Otto Group ist nach wie vor ein inhabergeführtes Unternehmen. Welche Vorteile sehen Sie für inhabergeführte Unternehmen bzw. Familienunternehmen in der gegenwärtigen Lage?
Unternehmer dürfen meiner Ansicht nach nicht nur an ihre Freiheit denken, sondern müssen sich auch ihrer Verantwortung für die Gesellschaft und für die Umwelt bewusst sein. Wenn man nachhaltig gestalten will, braucht man nicht nur Entschlossenheit, sondern auch die unternehmerische Freiheit, langfristig zu denken. Vor allem börsennotierte Unternehmen sind im Zeitalter des "Shareholder Values” häufig unter Druck, kurzfristig zu denken und zu handeln, ihre Quartalsberichte sind alle drei Monate fällig.. Hier sehe ich einen klaren Vorteil der Familienunternehmen.

Wie würden Sie die Positionierung Ihres Konzerns beschreiben, auch im weltweiten Wettbewerb?
Wir sind finanziell gut gerüstet. Im Mittelpunkt unserer Aktivitäten steht der Kunde. Seinen Wünschen wollen wir entsprechen. Deshalb stehen einerseits ein hohes Maß an Kontinuität, andererseits aber auch an Fortschritt und Veränderung bei uns im Fokus. Das fängt bei sehr speziellen und kreativen Angeboten im wachsenden E-Commerce an. Das A und O ist für uns aber der Service, den wir in unserem Konzern anbieten und kontinuierlich optimieren.

Sie haben in den vergangenen 30 Jahren aus einem mittelständischen Unternehmen einen Weltkonzern gemacht. Wie würden Sie das Zusammenspiel von Macht und Verantwortung definieren?
Auch wenn wir mittlerweile mit 123 Gesellschaften in 30 Ländern Europas, Asiens und Nordamerikas tätig sind, so ist die Otto Group doch nach wie vor ein Familienunternehmen. Macht steht bei uns weniger im Fokus. Wichtiger ist uns eine verantwortungsbewusste Wirtschaftstätigkeit. Natürlich müssen wir Gewinne machen. Die langfristige Wertsteigerung des Unternehmens ist mir aber wichtiger als der kurzfristige Profit. Deshalb achte ich sehr auf eine nachhaltige Entwicklung meines Unternehmens, das heißt, eine Ausgewogenheit zwischen ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Belangen. Und auf die Einhaltung von Werten. 


Wie sehen Sie den Spagat, weltweit zu wachsen und gleichzeitig nachhaltig zu wirtschaften?
Ich sehe darin keinen Widerspruch. Als Unternehmer stehe ich für bestimmte Werte. Was mir besonders wichtig ist: Die Wirtschaft muss dem Wohle des Menschen dienen- nicht umgekehrt. Deshalb ist mir die Einhaltung definierter Umwelt- und Sozialstandards besonders wichtig. Wir achten darauf, dass wir mit dem Import von Handelswaren bei unseren Lieferanten gleichzeitig auch ökologische und soziale Standards umsetzen. Diese Werte fordern auch zunehmend unsere Kunden ein. Deswegen ist das geradezu die Voraussetzung für nachhaltiges Wachstum.

Welche Bedeutung hat die Fürsorge eines Unternehmers für die Mitarbeiter?
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind der Dreh- und Angelpunkt unternehmerischen Erfolgs. Das ist keine neue Erkenntnis, aber eine hochaktuelle. Die deutsche Wirtschaft sucht händeringend gute Fach- und Führungskräfte. Auch wir tun das. Wir müssen uns darüber hinaus aber auch noch aktiver als bisher um drei Gruppen von Mitarbeitern kümmern: Erstens müssen wir dafür sorgen, dass gut ausgebildete Frauen Führungsaufgaben mit dem Nachwuchs in Einklang bringen können. Zweitens müssen wir uns intensiver um die Integration von Mitarbeitern mit Migrationshintergrund kümmern. Und drittens müssen wir dem demografischen Wandel entsprechend ältere Mitarbeiter länger im Arbeitsprozess halten und eine kluge Symbiose zwischen den Stärken der Jüngeren und der Älteren schaffen.

Wie stehen Sie zur Verantwortung des Einzelnen?
Wir pflegen bei Otto einen kooperativen Führungsstil mit der Zielsetzung, jedem Mitarbeiter möglichst viel Verantwortung zu übertragen. Neben dem Job stehen auch hier soziales Engagement, Umweltschutz und ein faires Miteinander im Mittelpunkt. Wir unterstützen unsere Mitarbeiter darin, über ihre berufliche Tätigkeit hinaus auch Aufgaben in unserer Gesellschaft wahrzunehmen, die den genannten Werten entsprechen. Dies schafft einerseits eine höhere Motivation der Mitarbeiter, andererseits eine bessere Identifikation mit unserem Unternehmen.

Weltweit entscheiden Bürger und Politiker zunehmend nach ökologischen und sozialen Kriterien – welche Chancen bringt dies für Ihre Gruppe?
Bei uns gehört nachhaltiges, also umwelt- und sozialverantwortliches Handeln bereits seit Mitte der 80er Jahre zur Unternehmensstrategie. Diese lange Tradition macht uns glaubwürdig und hilft uns auch bei der Gewinnung neuer Kundengruppen, denn viele Menschen konsumieren heute bewusster als früher. Sie möchten ohne moralische Bedenken einkaufen und machen sich Gedanken über ihr Handeln und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Ihre Kaufentscheidung treffen sie Preise zunehmend zugunsten verantwortlich handelnder Unternehmen. Das freut uns und macht Mut, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen.

Wie passen Grenzen des Wachstums und Konzernwachstum zusammen?
Wachstum muss neu definiert werden. Ein rein quantitatives Wachstum muss zugunsten eines verstärkt qualitativen Wachstums ersetzt werden. Dafür brauchen wir politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, damit sich Bürger und Konzerne gleichermaßen sicher in die Zukunft bewegen können. Ohne soziale, politische und technische Innovationen können auch wirtschaftliche Innovationen nicht greifen. Alles muss zusammen wirken. Hier haben wir eine große Aufgabe vor uns.

Was sind die häufigsten unternehmerischen Fehler, die Sie in den letzten Jahren beobachtet haben?
Erstens: Kurzfristiges Denken und Handeln von Managern, die nur ihre eigene Karriere, aber nicht die langfristige Entwicklung des Unternehmens im Kopf haben. Zweitens: Verharren in bestehenden Strukturen und Denkmustern, anstatt das Unternehmen konsequent zu erneuern. Drittens: Gewissenloses Wirtschaften, ohne Rücksicht auf die Interessen von Mitarbeitern, Gesellschaft und Umwelt.

Wie beurteilen Sie die Verantwortung der Unternehmer?
Die Soziale Marktwirtschaft und die Regeln eines ehrbaren Kaufmanns sollten wieder mehr Beachtung finden. Die Freiheit wirtschaftlichen Handelns und die soziale Verantwortung gegenüber allen Anspruchsgruppen sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Die große Mehrheit der Unternehmer hält sich aber auch daran, beides zu berücksichtigen.

Wie empfinden Sie die Diskussion um die Managergehälter?
Ich finde die aktuelle Diskussion gut und richtig, denn ich empfinde es als nicht gerecht, dass Manager selbst bei Minder- oder Nichtleistung hohe Abfindungen kassieren. Allerdings ist dies vor allem ein Problem, das die Gesellschafter und Aufsichtsräte lösen müssen.

Wie sehen Sie die Aufgabe des Staates?
In einer Sozialen Marktwirtschaft kommt dem Staat die wichtige Aufgabe zu, durch Gesetze den Rahmen und damit Grenzen zu setzen. Wenn ich zum Beispiel an die Finanzwirtschaft denke, so ist bei der nötigen Regulierung noch längst nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Ich finde es gut, dass Deutschland zum Beispiel beim Stopp von Leerverkäufen vorgeprescht ist und ich unterstütze die Finanztransaktionssteuer, auch wenn nicht alle europäischen Länder mitmachen. 


Wie empfinden Sie die Entwicklung an den Finanzmärkten?
Die Banken müssen sich wieder auf ihr Kerngeschäft besinnen, welches die Versorgung der Realwirtschaft mit Krediten ist. Kurzfristiges Profitstreben einzelner auf Kosten der Weltgemeinschaft darf es nicht mehr geben. Die Risikosituation von Banken und Ländern muss enger kontrolliert werden. Außerdem brauchen wir Institutionen, die schädliche Arten von Spekulationsgeschäften verteuern oder gar aussetzen dürfen. 


In der Debatte um Verteilungsgerechtigkeit werden höhere Steuern auf Erbschaften, Vermögen und Spitzeneinkommen gefordert. Stimmen Sie damit überein?
Von einer nochmaligen Besteuerung bereits versteuerten Vermögens halte ich nichts. Diese Substanzbesteuerung würde dazu führen, dass vor allem mittelständische Unternehmen bei Verlusten auch noch Steuern zahlen müssten. Das würde Wachstum und Arbeitsplätze kosten. Wenn der Staat alle Einsparmöglichkeiten ausgeschöpft hat, könnte ich mir eine Anhebung des Spitzensteuersatzes vorstellen. Gerade wer als Unternehmer ordentliche Gewinne macht, sollte auch entsprechende Steuern zahlen, und zwar in Deutschland.

Was wird in Zukunft nach Ihrer Ansicht der „USP“ des Wirtschaftsstandorts Deutschland sein?
Die hohe Innovationskraft kombiniert mit den altbekannten deutschen Tugenden wie Gründlichkeit, Pünktlichkeit, Qualität und gutem Service werden auch in Zukunft den Vorteil des Wirtschaftsstandorts Deutschland ausmachen.

Was halten Sie von der Einführung von Mindestlöhnen?
Ich bin durchaus für die Einführung von Mindestlöhnen. Allerdings sollten diese zwischen den Tarifparteien ausgehandelt werden und sie sollten sich je nach Branche und auch nach Region unterscheiden. Erst wenn Tarifverträge in bestimmten Branchen nicht für allgemeinverbindlich erklärt werden können, weil dort weniger als 50 Prozent der Beschäftigten tariflich organisiert sind, muss gegebenenfalls auch der Staat ran.

Was bedeutet Ihnen der Euro?
Wir brauchen den Euro, daher sollten wir ihn verteidigen. Deutschland und Europa benötigen eine starke Leitwährung neben dem Dollar.

Ist Ihnen die Idee der Vereinigten Staaten von Europa sympathisch?
So weit zu gehen, wäre wohl nicht sinnvoll. Es fängt schon damit an, dass wir in Europa – anders als in den USA – nicht eine Sprache sprechen. Wir sollten allerdings unsere Finanz- und Wirtschaftspolitik stärker aufeinander abstimmen.

Sie haben als Unternehmer sehr früh den Umweltschutz zum Unternehmensziel erklärt. Woher kommt ihr grüner Antrieb?
Es gab tatsächlich ein Schlüsselerlebnis, das mein Interesse an diesem Thema geweckt hat. Der erste Bericht des „Club of Rome“ von 1972, die „Grenzen des Wachstums“ hat mich damals aufgerüttelt. Der Bericht zeigte ganz klar, dass unsere Art des Wirtschaftens die Endlichkeit der Ressourcen nicht berücksichtigt. In einigen Prognosen schoss dieser Bericht aus heutiger Warte vielleicht über das Ziel hinaus. Aber das Prinzip stimmte.

Welche Rolle spielen Umweltschutz und Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen?
Umweltschutz und Sozialverantwortung sind bereits seit Mitte der 80er Jahre integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie, denn mir war es immer ein Anliegen, so zu wirtschaften, dass nachfolgenden Generationen daraus kein Nachteil erwächst. Wirtschaftliches Wachstum kann durchaus an der Knappheit der natürlichen Ressourcen ausgerichtet werden und gleichzeitig dem sozialen Fortschritt zuträglich sein. Dazu bedarf es aber langfristiger Strategien. 


Wurden Sie damals in Ihren Gedanken unterstützt?
Als ich in den 80er Jahren Umweltschutz als Unternehmensziel verankert habe, haben mich etliche Kollegen als weltfremden Öko bezeichnet. Heute werden die Themen Umweltschutz und soziale Verantwortung von vielen Unternehmen apostrophiert und von nicht wenigen auch tatsächlich gelebt.


Welche Probleme empfinden Sie als die Drängendsten unserer Zeit?
Die zunehmende Kluft zwischen armen und reichen Ländern, die Überfischung der Weltmeere, die Übernutzung der Natur und den Klimawandel. Insbesondere beim Kampf gegen die CO2-Emissionen müssen wir mehr Tempo machen. Der globale Klimawandel ist Realität und wird uns, wenn wir weiterhin nicht handeln, schon bald vor große Herausforderungen stellen. Ohne entschlossenes Gegensteuern wird sich die Erdatmosphäre um bis zu 4,5° Celsius erwärmen. Die Risiken für das Zusammenleben auf unserem Planeten sind dann nicht mehr kalkulierbar. Es wird zur Versteppung von Landschaften, zu Völkerwanderungen und zum Krieg um Wasser kommen. Wirtschaft und Politik müssen sich diesem Problem stellen.
Im Rahmen der „2°-Initiative - Deutsche Unternehmer für Klimaschutz“, die im März 2007 auf meine Initiative hin gegründet wurde, unterstützen wir deshalb die Bundesregierung auf nationaler und internationaler Ebene bei einer erfolgreichen Politik zum Schutz des Weltklimas. Das definierte Ziel: Begrenzung der Erderwärmung auf 2º Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau.

Ist Nachhaltigkeitspolitik auch ein Imagefaktor für die Unternehmen geworden?
Es gibt Unternehmen, die nachhaltige Wirtschaftstätigkeit immer noch mit reiner Wohltätigkeit verwechseln. Sie finanzieren Umwelt- und Sozialprojekte aus Gewinnen, die sie zuvor unter wenig nachhaltigen Aspekten erwirtschaftet haben. Für diese Unternehmen mag das Thema ein Imagefaktor sein. Für mich steht Nachhaltigkeit hingegen für ein verantwortungsvolles Unternehmensmanagement. Es ist ein „Must“ für Unternehmen, die ernsthaft Verantwortung für ihre Wirtschaftstätigkeit übernehmen wollen. Alle Unternehmen, die dieses Thema ernsthaft angehen, steigen in ihrer Glaubwürdigkeit und damit automatisch auch ihre öffentliche Reputation.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Nachhaltigkeitsaktivitäten Ihrer Unternehmensgruppe?

  1. die Umsetzung unserer ambitionierten Klimaschutzstrategie (Reduzierung CO2-Emmissionen um 50 Prozent bis 2020)
  2. die Umsetzung unserer Sozialstandards bei den Lieferanten in Risikoländern
  3. die Erweiterung des Angebots an nachhaltigen Produkten
  4. die Suche nach Lösungen für gesellschaftliche Probleme im Rahmen unserer Wirtschaftstätigkeit in Form der „Hilfe zur Selbsthilfe“

Wie schaffen Sie die aus Ihrer Sicht richtige finanzielle Balance zwischen Wirtschaftlichkeit auf der einen Seite und Nachhaltigkeit auf der anderen Seite?
Eine nachhaltige Wirtschaftstätigkeit kostet nicht nur, sie hilft auch, zu sparen. Bestes Beispiel sind die Energiekosten, denn Energieversorgung und Energieeffizienz sind durchaus im wirtschaftlichen Interesse von Unternehmen. Wir legen besonderen Wert auf den sparsamen Einsatz natürlicher Ressourcen wie Wasser, Holz und Energie – von der Supply Chain über die Gebäude bis hin zur Logistik.

Was ist aus Ihrer Sicht der beste Ansatz, um die große Masse der Transporte umweltverträglicher zu gestalten?
Grundsätzlich: eine kapazitätsorientierte Planung. Außerdem brauchen wir eine Verlangsamung von Transporten. Dies kann nur mit Unterstützung der Verbraucher erfolgen. Auch die Verlagerung von Transporten auf die Bahn und das Seeschiff sowie die Investition in treibstoffarme Nutzfahrzeuge und die Nutzung alternativer Antriebskonzepte halte ich für sinnvoll.

Bitte nennen Sie ein paar innovative Beispiele für grüne Logistiklösungen, die Ihnen besonders gut gefallen?
Ich halte die umweltfreundliche Verkehrsplanung via GPS und eine Auslastung der Transporte für besonders innovativ. Aber auch eine alternative Energieerzeugung an den Logistikstandorten selbst, beispielsweise durch den Einsatz von Holzschnitzelheizungen und Photovoltaikanlagen, halte ich für wichtig. Darüber hinaus gibt es viele kleine Dinge, die man tun kann. Ich bin ein Fan alternativer Antriebe. Das können z.B. auch Botenfahrräder im Stadtverkehr sein.

Gerade der Bereich Textilproduktion ist in letzter Zeit immer wieder kritisch betrachtet worden. Wie können Sie gewährleisten, dass in fernen Zulieferbetrieben die Produktionsbedingungen herrschen, die nach hiesigen Vorstellungen als nachhaltig und fair gelten?
Bei uns werden die Lieferanten hinsichtlich ihrer Umwelt- und Sozialstandards bereits überprüft, bevor sie für uns liefern dürfen. Mit Vertragsabschluss verpflichten wir sie zur Einhaltung unseres Code of Conduct. Wir haben u.a. über 20 sogenannte Social Officers in unseren Einkaufsbüros beschäftigt. Außerdem haben wir ein eigenes Sozialprogramm entwickelt und die Lieferanten durchlaufen regelmäßige Audits. Dennoch: eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.

Wie sollten Ihrer Meinung nach verantwortlicher Handel und nachhaltige Produktion in der Zukunft aussehen?
Wir müssen es in Zukunft schaffen, die gesamte Supply-Chain zu kontrollieren und nicht wie heute nur Teile. Klimaneutrale Produktion, Transport und Versand, aber auch bildungs- und sozialpolitische Fragen müssen gelöst werden. Neben der Einhaltung definierter Umwelt- und Sozialstandards bei den Lieferanten sollte aber auch die Unterstützung der Länder bei der Durchsetzung ihrer nationalen Gesetze mehr Beachtung finden. Die Menschen in den Produktionsländern müssen sich durch den Handel mit uns weiterentwickeln können. Deshalb achten wir darauf, dass wir mit dem Import von Handelswaren bei unseren Lieferanten gleichzeitig auch ökologische und soziale Standards umsetzen. Klimaschutz, ein fairer Umgang mit Mitarbeitern und entwicklungspolitische Maßnahmen, die Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen, all das muss mehr in den Fokus rücken.

Woran mangelt es zurzeit mehr: Stärkerer Rückenwind von den Verbrauchern, damit mehr „grüne“ Produkte in die Regale kommen, oder mehr mutige Unternehmen, die bereit sind, Vorreiter zu spielen?
Weder – noch. Nachhaltigkeit und ein entsprechendes Produktangebot brauchen den gemeinsamen Einsatz vieler Akteure. Gefragt ist das Engagement der Wirtschaft ebenso wie das der Politik, das der Medien ebenso wie das der Verbraucher selbst. Jeder Einzelne, jedes Unternehmen muss sich fragen, was es dazu beitragen kann, verantwortlichen Handel und nachhaltige Produktion zu fördern. Die Konsumenten treffen Kaufentscheidungen zunehmend auf Basis eigener Werte. Konsum ohne Reue liegt im Trend. Immer mehr Kunden sind bereit, für ökologisch und sozial korrekte Produkte auch einen höheren Preis zu zahlen. Je bewusster den Menschen wird, welche Probleme es zu lösen gilt, umso größer wird deshalb auch der Druck auf Unternehmen und auf die Regierungen werden, denn Konsumenten sind gleichzeitig auch Wähler.

Wie wählen Sie die Felder für Ihre Engagements?
Mir ist sehr wichtig, durch mein persönliches Engagement essentielle soziale, gesellschafts- und umweltpolitische Vorhaben anzustoßen und voranzubringen. Neben der Umsetzung einzelner Projekte möchte ich auch die Sensibilität der Menschen für bestimmte Themen wecken, Ideen anstoßen und etwas ins Rollen bringen, das von anderen aufgegriffen und weiterentwickelt werden kann. Nur großzügig Geld zu spenden, reicht einfach nicht, wenn man Dinge dauerhaft zum Besseren verändern will. Leitlinie all meiner Initiativen und Stiftungen ist es deshalb, dass sie neue Ansätze aufzeigen und zur nachhaltigen Entwicklung unserer Gesellschaft beitragen sollten. Dabei sollte für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation geschaffen werden. Denn nur dann haben die Projekte eine Chance, langfristig zu überleben und dauerhaft etwas zu verändern.

Ihr verstorbener Vater, Prof. Werner Otto, setzte Maßstäbe mit seinem gesellschaftlichen Engagement. Nach welchen Kriterien wählte er seine Engagements aus?
Mein Vater wollte seine großen Erfolge – auch die finanziellen – mit anderen teilen und der Gesellschaft etwas zurückgeben. Sein Leitsatz war stets: „Erst kommt der Mensch“. Entsprechend setzte er sein Geld für zahlreiche kulturelle Projekte ein. Am wichtigsten aber war ihm sein Engagement für diejenigen, die immer wieder als die Schwächsten der Gesellschaft bezeichnet werden: behinderte Kinder. Um wirkungsvoll helfen und menschliche Not lindern zu können, gründete er 1969 die „Werner Otto Stiftung“. Diese medizinische Stiftung springt insbesondere dort ein, wo der Staat nicht oder nicht schnell genug Gelder zur Verfügung stellt.

Wie hat das Engagement Ihres Vaters Ihr eigenes soziales Handeln geprägt?
Mein Vater war für mich insofern ein Vorbild, als dass er sich früh für die Mitarbeiter eingesetzt hat. Wenn es dem Unternehmen gut geht, soll es auch den Mitarbeitern gut gehen – das war sein Credo. Natürlich hat mich auch meine Familie geprägt. Ich habe von Beginn an mit auf den Weg bekommen, auch an andere zu denken.

Im Bereich Bildung gibt es in Hamburg die von Ihnen ins Leben gerufene „Initiative für Beschäftigung“ und das „Hamburger Hauptschulmodell“. Damit schaffen Sie es, Hauptschülern den Weg von der Schule ins Berufsleben zu erleichtern. Hilfe zur Selbsthilfe?
Ja. Eine der zentralen Herausforderungen in den kommenden Jahren wird es sein, Jugendlichen mit Hauptschulabschluss den Einstieg in das Berufsleben zu erleichtern, um ihre Chancen am Arbeitsmarkt und damit auf ein selbstbestimmtes Leben zu verbessern. Aus meiner Sicht ist es enorm wichtig, junge Hauptschüler dabei nicht alleine zu lassen. Ein zeitnaher Übergang von der Schule in eine Ausbildung ist für sie sehr wichtig. Andererseits sind Gesellschaft und Wirtschaft auf gut ausgebildete Jugendliche dringend angewiesen. Das Hamburger Hauptschulmodell hat sich hier als hervorragendes Konzept eines nahtlosen Übergangs von Schülern mit Hauptschulabschluss in eine ungeförderte Berufsausbildung entwickelt. Insbesondere bei der Integration von Hauptschülern mit Migrationshintergrund und aus sozialen Brennpunkten hat es sich bewährt. Das begeistert mich an diesem Projekt.

Auch auf den Gebieten der Kultur treten Sie immer wieder fördernd auf. So unterstützten Sie den Bau der Jugendmusikschule Hamburg und die Stiftung Elbphilharmonie mit Spenden. Warum ist die Unterstützung Privater auf diesem Feld so bedeutend?
Die Förderung von Projekten im Rahmen von Kunst und Kultur steht häufig nicht im Vordergrund der öffentlichen Haushalte. Deshalb ist die private Hilfsbereitschaft derer, die es sich finanziell leisten können, hier ausgesprochen wichtig. Ich unterstütze besonders gerne Projekte im Rahmen der musikalischen Bildung, denn die verbindende Kraft der Musik dient nicht nur der Persönlichkeitsbildung, sondern fördert auch Kreativität und das soziale Miteinander.

Warum haben Sie Ihre Stiftungen gegründet?
Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder von uns im Rahmen seiner Möglichkeiten einen Beitrag zur Gesellschaft leisten sollte. Nur dann ist sie vital und lebensfähig. Eigentum verpflichtet da in besonderem Maße. Und Dankbarkeit dafür, dass die Gesellschaft einem die Möglichkeit zu einer erfolgreichen Entwicklung gegeben hat.
Mir ist besonders wichtig, im Rahmen meiner Stiftungen nicht nur „Gutes“ zu tun. Ich möchte neben der Umsetzung einzelner Projekte auch die Sensibilität der Menschen für bestimmte Themen wecken. Jeder Einzelne von uns muss seinen Beitrag leisten, um unsere Welt für nachfolgende Generationen lebenswert zu erhalten.

Wie bedeutsam ist ganz allgemein das Wirken von Stiftungen? Wie kann ihr Handeln wirksamer werden?
Das hängt natürlich in erster Linie vom Stiftungszweck ab. Die Wirksamkeit des Handelns von Stiftungen ist außerdem eine Frage guten Managements.

Wie weit sind Sie in die Stiftungsarbeit involviert?
Natürlich richtet sich mein für die Stiftungen verfügbares Zeitbudget vor allem nach den Bedürfnissen meines Unternehmens. Darüber hinaus muss noch Zeit für Familie und Freunde bleiben. Die Stiftungstätigkeit bereichert mich aber sehr, so dass ich die hierfür erforderliche Zeit gerne einbringe. Dies fällt mir zudem leichter, seit ich den Vorsitz im Aufsichtsrat der Otto Group übernommen und mich aus dem aktiven Geschäft der Otto Group zurückgezogen habe. Ich begleite die Stiftungsprojekte aktiv, nehme Termine vor Ort wahr.

Wie finanziert sich die Arbeit der Stiftungen?
Durch den jährlichen Zufluss von Mitteln, die ich dafür bereitstelle. Außerdem bekommen wir öffentliche Mittel sowie Mittel anderer privater Partner wie im Falle der Aid by Trade Foundation zum Beispiel durch die Baumwollgesellschaften und die Bill und Melinda Gates Foundation.

1993 gründeten Sie zunächst die Michael Otto Stiftung für Umweltschutz. Diese widmet sich dem Schutz der Lebensgrundlage Wasser. Was waren Ihre Beweggründe für diese Gründung?
Die Michael Otto Stiftung für Umweltschutz hat den Zweck, den Schutz und Erhalt der Lebensgrundlage Wasser zu unterstützen. Wasser ist ein immer knapper werdendes Gut. Die Bedürfnisse von Mensch und Natur treffen sich bei diesem Thema gleichermaßen. Besonders eindrucksvoll habe ich diese Tatsache bei einer Reise in Afrika erlebt. Die Gnus, die bei der Migration zu Tausenden die Savanne bevölkern, können den Zeitpunkt ihrer Niederkunft verzögern und warten, bis der Regen da ist. Wenn dann die Savanne ergrünt, wird sie zeitgleich von Tausenden Gnu-Kälbern bevölkert: ein beeindruckendes Bild mit großer Symbolkraft: Wasser ist Leben!

Die Michael Otto Stiftung hat unter anderem das Aktionsfeld „Förderung, Bildung und Dialog“. Was genau kann man darunter verstehen?
Die Aktivitäten der Stiftung sollen Anreize schaffen, zum Nachdenken anregen und eine Initialwirkung auslösen. Deshalb gibt es drei Aktionssäulen: Förderung, Bildung und Dialog. Die Stiftung fördert Projekte, die unmittelbar dem Wasser beziehungsweise den betroffenen Lebensräumen zugute kommen. Sie engagiert sich im Bildungsbereich durch Einrichtung von Stiftungsprofessuren und finanzielle Unterstützung von Forschungs- und Bildungszentren. Außerdem ist die Stiftung Moderatorin zwischen gesellschaftlichen Interessengruppen. Sie initiiert Gespräche und bietet eine Plattform für Dialogveranstaltungen. Im Rahmen der „Hamburger Gespräche für Naturschutz“ oder der „Berliner Klima-Diskurse“ kommen Vertreter von Wirtschaft, Naturschutz, Politik und Wissenschaft zusammen, um pragmatische Lösungen für aktuelle umweltpolitische Fragen zu erarbeiten.

Mit den „Aqua-Projekten“ versuchen Sie, Jugendliche in die Arbeit der Stiftung einzubeziehen. Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, Kinder und Jugendliche für solche Themen zu sensibilisieren?
Die Entscheider von morgen sind heute junge Menschen. Ihre Sensibilisierung verdient unser besonderes Augenmerk. Die „Aqua-Projekte“ dienen dem Schutz der Ressource Wasser. Ziel ist es, die Eigeninitiative von Schülern und Jugendlichen im Bereich Naturschutz zu steigern, ihre Mitmachbereitschaft zu erhöhen und sie zu Verhaltensänderungen zu motivieren.

Im Jahre 2005 gründeten Sie eine neue Stiftung, die heutige „Aid by Trade Foundation“. Was genau sind deren Ziele und was waren hier Ihre Beweggründe?
Die Stiftung fördert den nachhaltigen Anbau land- und forstwirtschaftlicher Produkte in Entwicklungsländern. Viele dieser Länder besitzen qualitativ hochwertige Produkte, die bisher auf dem Weltmarkt noch keinen Absatz gefunden haben. Die Projekte der Stiftung sollen die ökologischen, sozialen, technischen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen schaffen, die zur Erzeugung, Verarbeitung und zum Verkauf dieser Produkte nötig sind. Ihre Philosophie lautet: „Handel kann zur Armutsbekämpfung beitragen.“ Sie hat außerdem die Aufgabe, die Nachfrage der Industrieländer nach nachhaltigen Produkten aus Entwicklungsländern zu bündeln. Ziel ist es, dass Handelsunternehmen gemeinsam mit Konsumenten und Herstellern durch eine gezielte Nachfrageallianz dauerhaft wirksame Verbesserungsimpulse auslösen. Dieser innovative Ansatz orientiert sich am Markt und soll sich langfristig finanziell selbst tragen.

Die Initiative "Cotton made in Africa" ist derzeit eines der größten Public-Private Partnership-Projekte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und wird von Ihrer Stiftung getragen. Was ist das Ziel der Initiative?
Die Initiative steht für meine Überzeugung und Grundhaltung. Jeder von uns kann Verantwortung übernehmen im Rahmen seiner Möglichkeiten. Für mich bedeutet das, die Hilfe zur Selbsthilfe zu fördern. Die „Aid by Trade Foundation“ will gemeinsam mit Wirtschaft, Bundesregierung und Nichtregierungsorganisationen im Rahmen der Initiative "Cotton made in Africa" der afrikanischen Baumwolle bessere und verlässlichere Absatzchancen in Europa verschaffen und durch eine gezielte Nachfrage die Armut in den Baumwollregionen Afrikas bekämpfen. Ziel der Initiative ist es, afrikanische Kleinbauern darin zu unterstützen, Baumwolle gemäß nachhaltiger Kriterien besonders effizient zu produzieren, sodass die Baumwollbauern höhere Erträge und damit höhere Einkommen erzielen. Durch eine von der Stiftung organisierte Nachfrageallianz wollen wir der Baumwolle gleichzeitig Absatzchancen auf dem europäischen Markt verschaffen. Aus den Lizenzgebühren für Cotton made in Afrika zahlt die Stiftung den afrikanischen Baumwollbauern eine Dividende, sichert ihnen so ein zusätzliches Einkommen und fördert den Bau von Schulen und die Erwachsenenbildung. Somit erhalten deren Kinder die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, anstatt auf dem Feld zu arbeiten. Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts liegt auf dem Natur- und Umweltschutz. Mehr als 450.000 Baumwoll-Kleinbauern in sieben afrikanischen Ländern werden aktuell darin geschult, ihre Anbaumethoden und Erträge zu verbessern und damit höhere Einkünfte zu erzielen.

Reizt es Sie nicht doch, in die Politik zu gehen? Oder sind Unternehmer die besseren Weltmanager?
Ich freue mich, dass ich nun, da ich mehr Zeit habe, meine eigenen Projekte verfolgen kann. Dazu gehören z.B. mein Engagement für den Klimaschutzim Rahmen der Stiftung 2° und meine Stiftung Aid by Trade Foundation. Hier kann ich sinnvoll wirken. Auch politisch, wenn Sie so wollen.

Sie haben 2007 den Vorstandsvorsitz der Otto Group abgegeben und sind in den Aufsichtsrat gewechselt. Wann wird an der Spitze der Gruppe wieder ein Mitglied der Familie Otto stehen?
Ich halte nichts von der Rolle des Patriarchen, der nicht loslassen kann. Für mich war immer klar, dass ich den Vorstandsvorsitz zu einem Zeitpunkt, den ich selbst bestimme, abgebe. Wir legen in der Otto Group viel Wert auf die Kontinuität der Unternehmensführung. Damit meine ich nicht, dass ein Familienunternehmen zu jedem Zeitpunkt familiengeführt sein muss. Den Übergang in der Führung auch mit einem familienfremden Manager zu gestalten, erhöht den Gestaltungsspielraum aller Beteiligten. Ich definiere Familienunternehmen deshalb eher über die Unternehmenskultur als über die Abstammung der Unternehmensführung. Zwischen meinem Vater und mir hatte auch ein familienfremder Manager die Firma geleitet. Im Augenblick ist Hans-Otto Schrader eine exzellente Besetzung. Das wird bis zu seiner Pensionierung so bleiben. Ob den Vorstandsvorsitz einmal mein Sohn übernehmen wird, muss man sehen. Mein Sohn ist seit 2012 in der Otto Group tätig. Zuvor war er selbständig. Ich übe keinen Druck auf meinen Sohn aus. Er entscheidet selbst, ob, wann und wie er den nächsten Schritt im Unternehmen machen möchte.

Bei einer möglichen Nachfolge wird immer nur über ihren Sohn, nicht über ihre Tochter gesprochen. Warum?
Meine Tochter hat sich beruflich für die Entwicklungshilfe entschieden. Für sie kommt deshalb meine Nachfolge in der Unternehmensführung nicht in Betracht.

Die Entwicklung des Unternehmens haben Sie von Beginn an erlebt – von der Armut nach dem Krieg bis zum rasanten Aufstieg. Hätten Sie gesellschaftlich anders gehandelt, wenn Sie gleich als reicher Sohn geboren worden wären?
Das kann ich nicht sagen. In jedem Falle hat meine Familiengeschichte mich in meinem Denken und Handeln geprägt. Als wir nach dem Krieg in Hamburg landeten, waren wir bitterarm. Der Hunger gehörte zum Alltag. Als Junge musste ich mich mit allerhand Gelegenheitsjobs durchschlagen. Ich glaube, das war gut und wichtig für mich und hat mein späteres unternehmerisches Handeln stark beeinflusst.

Wie haben Sie Ihre eigenen Kinder in Sachen Engagement geprägt?
Wichtig war meiner Frau und mir in der Erziehung immer, dass unsere Kinder Achtung und Toleranz gegenüber anderen Menschen haben. Dass sie, wenn sie unternehmerisch tätig sind, von keinem anderen mehr verlangen als von sich selbst, also immer die eigene Person zum Maßstab nehmen. Dass sie auch etwas für die Gesellschaft tun und nicht immer nur Forderungen stellen. Wenn wir ausschließlich Ansprüche reklamieren und uns selbst nicht einbringen, funktioniert unsere Gesellschaft nicht.

Sie lieben die Natur, reisen gerne auf unbekannten Pfaden durch fremde Länder. Luxushotels sind nicht Ihr Ding, oder?
Das ist tatsächlich so. Ich liebe das Abenteuer in der Natur. Bei den Menschen dort finde ich eine so einzigartige Entspannung, die ich sonst nirgendwo anders finden kann. Dort komme ich aus der Hektik des Alltags heraus, reflektiere über mein Leben und komme wieder mit beiden Füßen auf den Boden. Das ist von unschätzbarem Wert. Deshalb reite ich lieber auf einem Pferd ins Tianshan-Gebirge in Kirgistan oder mit einer Karawane durch die Mongolei als mich in einem 5-Sterne-Hotel an den Pool zu legen.

Sie haben im Laufe der Jahre viele wichtige Preise vor allem auf den Gebieten des Managements und des Umweltschutzes erhalten. Wie wichtig ist dies für Sie persönlich? Wie entscheidend ist es für Ihre Arbeit?
Die Preise empfinde ich als Anerkennung meines Engagements und als Ehre, aber zugleich auch als Anerkennung der Arbeit meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie sind zusätzlicher Ansporn für etwas, was ich aber ohnehin täte.

Was macht Sie allgemein besonders zufrieden – und steht das in Konflikt mit einem nachhaltigen Leben?
Mein Lebensglück ist meine Familie. Als Unternehmer macht es mich glücklich, die Unternehmensgruppe wachsen und gedeihen zu sehen. Beides lässt sich mit einem nachhaltigen Leben sehr wohl in Einklang bringen. Wenn ich reise, dann tue ich dies nicht, um die Tapeten zu wechseln, wie es so schön heißt, sondern um andere Kulturen und Lebensweisen kennen- und verstehen zu lernen.

Schämen Sie sich für umweltschädigendes Verhalten?
Ich schäme mich nicht, aber ich mache mir sehr wohl Gedanken über mein Verhalten und darüber, ob das alles wirklich immer notwendig und geboten ist und den Preis rechtfertigt, den die Umwelt im Zweifel dafür zahlen muss.

Was hindert Sie, umweltfreundlicher zu leben?
Unternehmer müssen flexibel, beweglich und schnell sein, dies gilt für die Großen und die Kleinen gleichermaßen. Was mich tatsächlich hindert, mich noch umweltfreundlicher zu verhalten, als ich dies ohnehin schon tue, ist die Tatsache, dass es bestimmte Technologien auf dem Markt einfach noch nicht gibt, die es einem ermöglichen, Geschwindigkeit und Flexibilität auf einem deutlich umweltbewussteren Niveau zu halten. Nehmen Sie zum Beispiel das Elektro-Auto. Diese Technologie ist toll, aber bei weitem noch nicht so ausgereift, dass man dafür andere ersatzlos streichen könnte. Vor allem kann man damit nicht den Atlantik überqueren.

Copyright © 2017 Otto Group